Liebe Patienteneltern, ab dem 27.03.2026 bis voraussichtlich 01.06.2026 befinde ich mich im Mutterschutz. In diesem Zeitraum kann ich leider eure Lieblinge nicht behandeln und auch keine Neupatienten annehmen. Gern bin ich nach dem 01.06.2026 wieder für euch da!

Lahmheit nach Putzen: Diagnose & Handlung bei Pferden

Lahmheit nach dem Putzen: Systematische Abgrenzung von Reaktion und Pathologie

Die Beobachtung, dass ein Pferd nach dem Putzen lahmt, ist für viele Besitzer ein Moment der Unsicherheit. Oft wird eine kurzzeitige Schonhaltung oder ein empfindliches Reagieren auf Berührung fälschlicherweise als echte Lahmheit interpretiert. Unsere Erfahrung zeigt, dass hier eine klare Unterscheidung entscheidend ist, um unnötige Panik zu vermeiden oder im Gegenteil, eine notwendige tierärztliche Intervention nicht zu verzögern. Die Kernfrage ist: Handelt es sich um eine momentane, harmlose Reaktion auf externe Reize oder um den Ausdruck eines ernsthaften orthopädischen Problems?

Ausgangslage: Das „Putz-Lahmen“ verstehen

Wir bei Pawsitive Hoofmotion sehen regelmäßig Fälle, in denen Pferdebesitzer besorgt anrufen, weil ihr Pferd nach dem Putzen Anzeichen einer Lahmheit zeigt. Ein typisches Szenario ist, dass das Pferd beim Führen nach dem Stallgang ungleichmäßig läuft, einen Fuß entlastet oder den Rücken wegdrückt. Die unmittelbare Assoziation ist oft eine akute Verletzung. Unsere Hypothese war, dass ein erheblicher Anteil dieser „Lahmheiten“ primär auf muskuläre Verspannungen, Druckempfindlichkeiten der Haut oder Gelenkblockaden zurückzuführen ist, die durch die gezielte Berührung und Bewegung beim Putzen manifest werden, anstatt auf eine primäre, akute orthopädische Läsion, die erst durch das Putzen ausgelöst wurde.

Die größte Herausforderung liegt nicht in der Behandlung, sondern in der präzisen Unterscheidung zwischen einem Alarmzeichen und einem bloßen Echo der Routine.


Vorgehen: Online-Einschätzung als erster Filter

Um die Besitzer in dieser initialen Phase zu unterstützen und eine erste, fundierte Einschätzung zu ermöglichen, haben wir einen Prozess etabliert, der eine Online-Analyse als Vorstufe zur physischen Untersuchung vorsieht. Dies beinhaltet die gezielte Abfrage von Beobachtungen und, wenn möglich, die Analyse von kurzen Videosequenzen des Gangbildes (Schritt und Trab auf gerader Linie) sowie der Reaktion auf spezifische Palpationen durch den Besitzer.

Unsere Checkliste für die Online-Einschätzung umfasst folgende Punkte:

  • Dauer der Symptomatik: Tritt die Lahmheit nur unmittelbar nach dem Putzen auf und bessert sich nach 10-15 Minuten Bewegung? Oder hält sie länger als 1-2 Stunden an?
  • Intensität: Ist die Lahmheit geringgradig (z.B. leichtes Kopfnicken, ungleichmäßiges Auffußen) oder hochgradig (z.B. non-weight bearing, deutliche Entlastung)?
  • Begleitsymptome: Sind Schwellungen, Wärme, Druckschmerzhaftigkeit bei sanfter Palpation oder Fieber vorhanden?
  • Reaktion auf Berührung: Zeigt das Pferd Schmerzreaktionen beim Bürsten bestimmter Körperregionen (z.B. Rücken, Kruppe, Gelenke)?
  • Vorgeschichte: Gibt es bekannte Vorerkrankungen (Arthrose, alte Verletzungen), aktuelle Trainingsintensität oder kürzliche Änderungen im Management?

Diese Fragen helfen, ein erstes Bild zu zeichnen und die Dringlichkeit einer tierärztlichen Untersuchung zu beurteilen. Wir haben festgestellt, dass etwa 40% der initial als „lahm“ gemeldeten Pferde nach dieser ersten Online-Einschätzung und gezielten Beobachtung durch den Besitzer keine sofortige tierärztliche Intervention benötigten, sondern von physiotherapeutischen Maßnahmen profitierten oder die Symptome von selbst abklangen.

Die Rolle der Gangbildanalyse und Palpation

Die Videoanalyse des Gangbildes, selbst mit einem Smartphone aufgenommen, ist ein unschätzbares Tool. Wir bitten die Besitzer, das Pferd auf hartem, ebenem Boden im Schritt und Trab vorzuführen. Dabei achten wir auf:

  • Kopfbewegungen (Nicken, Heben)
  • Asymmetrie im Auffußen oder Abfußen
  • Verkürzte Schrittlänge
  • Zehenschleifen
  • Rückenbewegung und Schweifhaltung

Ergänzend dazu instruieren wir die Besitzer zur vorsichtigen Palpation. Das systematische Abtasten von Muskelgruppen, Gelenken und Sehnenansätzen kann erste Hinweise auf lokale Schmerzpunkte oder Schwellungen geben. Ein typischer Fehler ist hierbei, nur das vermeintlich betroffene Bein zu untersuchen. Oft liegt die Ursache in einem anderen Bereich, z.B. Rückenprobleme, die sich als Lahmheit in den Gliedmaßen äußern.


Was tatsächlich passiert ist: Ein Fallbeispiel

Ein 8-jähriger Warmblutwallach, Freizeitreiter, wurde uns mit der Meldung vorgestellt, er lahme nach dem Putzen auf der linken Vorderhand. Der Besitzer war beunruhigt, da das Pferd zuvor nie gelahmt hatte. Nach unserer Online-Einschätzung, basierend auf einem Video und detaillierten Fragen, zeigte sich folgendes Bild:

  • Die Lahmheit war geringgradig und verschwand nach ca. 20 Minuten Schritt im Schritt.
  • Es gab keine Schwellungen oder Wärme.
  • Das Pferd reagierte empfindlich auf das Bürsten des linken Schulterbereichs und des Widerrists.
  • Im Video war ein leichtes Stolpern und eine verkürzte Schrittlänge auf der linken Vorderhand zu erkennen, die sich nach kurzer Bewegung besserte.

Wir rieten dem Besitzer, das Pferd noch 24 Stunden zu beobachten und eine tierärztliche Untersuchung zu planen, falls sich die Symptomatik verschlimmern oder nicht bessern sollte. Parallel dazu empfahlen wir gezielte Dehnübungen und eine sanfte Massage im Schulterbereich. Da die Symptome nach 24 Stunden unverändert waren, erfolgte eine tierärztliche Untersuchung, die eine leichte Muskelverspannung im Bereich des M. trapezius und M. supraspinatus diagnostizierte, jedoch keine primäre Gelenk- oder Sehnenschädigung. Die Tierärztin bestätigte die Notwendigkeit physiotherapeutischer Behandlung.

Wir übernahmen die physiotherapeutische Betreuung. Nach einer Serie von 4 Sitzungen über 6 Wochen, bestehend aus manueller Therapie, Dehnungen und Lasertherapie, war der Wallach wieder beschwerdefrei. Die Kosten für die Diagnostik (Tierarzt) lagen bei ca. 450€, die physiotherapeutische Behandlung bei 320€. Dies steht im Kontrast zu den potenziellen Kosten einer umfassenden Lahmheitsdiagnostik (Röntgen, Ultraschall, ggf. MRT), die schnell 800€ bis 1500€ erreichen kann, wenn die Ursache nicht schnell eingegrenzt wird.