Liebe Patienteneltern, ab dem 27.03.2026 bis voraussichtlich 01.06.2026 befinde ich mich im Mutterschutz. In diesem Zeitraum kann ich leider eure Lieblinge nicht behandeln und auch keine Neupatienten annehmen. Gern bin ich nach dem 01.06.2026 wieder für euch da!

EOTRH & Bewegung: Online-Physiotherapie als Ergänzung

EOTRH und Bewegung: Online-Physiotherapie als Ergänzung zur tierärztlichen Behandlung

Die Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis (EOTRH) ist eine fortschreitende, schmerzhafte Zahnerkrankung, die weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat des Pferdes haben kann. Entgegen der verbreiteten Fehlannahme, EOTRH sei ausschließlich ein Zahnproblem, beobachten wir in der Praxis, dass die damit verbundenen Schmerzen im Maul- und Kieferbereich zu kompensatorischen Haltungen und Bewegungsmustern führen. Diese können sich in subtilen Anzeichen äußern: einer leichten Kopfschiefhaltung, verändertem Kauen, Widerstand beim Auftrensen oder einer generellen Unwilligkeit unter dem Sattel. Diese Verhaltensänderungen werden von Besitzern oft fälschlicherweise als Ungehorsam interpretiert, anstatt als Schmerzreaktion.

Unsere Hypothese war, dass eine gezielte Online-Beratung durch einen erfahrenen Pferdephysiotherapeuten eine sinnvolle Ergänzung zur tierärztlichen Behandlung von EOTRH-Pferden darstellen kann. Insbesondere sollte sie den Besitzern helfen, die Bewegung und Haltung ihrer Pferde anzupassen und so die Lebensqualität der Tiere signifikant zu verbessern. Dies erfordert jedoch eine präzise Abgrenzung der Zuständigkeiten und eine realistische Einschätzung der Machbarkeit, da der fehlende direkte physische Kontakt die manuelle Therapie ausschließt.

Fallstudie: Bewegungsmanagement bei EOTRH-Pferd ‚Apollo‘

Wir betreuten über einen Zeitraum von sechs Monaten den 14-jährigen Wallach ‚Apollo‘, bei dem vor drei Monaten EOTRH im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert und bereits erste Extraktionen vorgenommen wurden. Der Tierarzt hatte eine weitere Zahnsanierung in drei Monaten geplant. Apollo zeigte trotz Schmerzmedikation weiterhin eine angespannte Haltung im Kopf-Hals-Bereich, vermied es, den Kopf tief zu nehmen, und zeigte eine leichte Asymmetrie im Kauen. Der Besitzer war unsicher, welche Bewegungen förderlich oder schädlich waren, insbesondere nach den Zahnextraktionen.

Vorgehen und Herausforderungen der Online-Beratung

Die Erstbefundaufnahme erfolgte online über eine Videoberatung (Zoom) von 60 Minuten. Der Besitzer hatte zuvor aktuelle tierärztliche Befunde (Röntgenbilder, Maulhöhlenuntersuchungsbericht, nicht älter als vier Wochen) und Videos von Apollos Bewegung im Stand, Schritt und Trab gesendet. Über eine Videoanalyse-Software (Kinovea) konnten wir erste Auffälligkeiten in der Kopf-Hals-Haltung und der Maulaktivität identifizieren. Ein typischer Fehler, den wir hier sahen, war die Annahme des Besitzers, dass Apollo nur „faul“ sei, wenn er den Kopf nicht senken wollte.

Innerhalb von 48 Stunden erstellten wir einen individuellen Bewegungsplan, der sich auf sanfte Mobilisationsübungen für den Kiefer und den oberen Halsbereich konzentrierte, ergänzt durch Haltungsübungen am Boden, die eine Dehnung nach unten förderten. Die tägliche Umsetzungsphase der Übungen durch den Besitzer betrug 15–20 Minuten. Regelmäßige Kontrolltermine fanden alle drei Wochen statt, ebenfalls online. Bei diesen 45-minütigen Sitzungen besprachen wir Fortschritte, passten Übungen an und beantworteten Fragen. Ein kritischer Punkt war die Notwendigkeit einer stabilen Internetverbindung und einer guten Kameraqualität seitens des Besitzers, um eine adäquate Beurteilung zu ermöglichen.


„Die größte Herausforderung in der Online-Physiotherapie bei EOTRH ist nicht die Vermittlung von Übungen, sondern die Schulung des Besitzerauges für die feinen Nuancen von Schmerz und Kompensation im Bewegungsbild des Pferdes.“


Was tatsächlich passierte: Erkenntnisse und Anpassungen

Nach etwa sechs Wochen zeigte sich eine deutliche Veränderung: Apollo begann, den Kopf beim Fressen und in der Bodenarbeit entspannter zu senken. Die Asymmetrie im Kauen hatte sich reduziert. Wir konnten die Schmerzsymptome, die sich in der Bewegung äußerten, um schätzungsweise 30–40% reduzieren, noch bevor die nächste Zahnsanierung anstand. Dies geschah nicht durch manuelle Therapie, sondern durch das gezielte Anleiten des Besitzers zur Förderung physiologischer Bewegungsmuster und zur Vermeidung schmerzverstärkender Haltungen.

Ein unerwarteter Lerneffekt war die Notwendigkeit, den Fokus der Online-Beratung stark auf die Schulung der Beobachtungsgabe des Besitzers zu legen. Wir mussten detailliert erklären, worauf zu achten ist: minimale Veränderungen im Gesichtsausdruck, im Fressverhalten, in der Art, wie das Gebiss angenommen wird. Standardisierte Fragebögen zur Schmerzeinschätzung halfen dem Besitzer, die Fortschritte objektiver zu dokumentieren.

Die Kosten für die Online-Beratung beliefen sich auf 90 Euro pro Sitzung. Über den gesamten Zeitraum von sechs Monaten, mit insgesamt sechs Sitzungen, investierte der Besitzer 540 Euro. Dies ist deutlich geringer als die Kosten für Vor-Ort-Termine, bei denen Anfahrtskosten hinzukommen. Die Flexibilität der Online-Termine war ein weiterer Vorteil, da sie leicht in den Alltag des Besitzers integriert werden konnten.

Priorisierungsliste für EOTRH-Pferde im Bewegungsmanagement

  1. Tierärztliche Diagnose und Behandlung (Hoch): Ohne eine fundierte tierärztliche Diagnose (Röntgenbefunde, klinische Untersuchung) und die notwendige zahnmedizinische Versorgung ist jede physiotherapeutische Maßnahme nur Symptombehandlung. Dies ist die absolute Basis.
  2. Schmerzmanagement (Hoch): In enger Absprache mit dem Tierarzt muss eine adäquate Schmerzmedikation gewährleistet sein, um dem Pferd überhaupt eine schmerzfreie Bewegung zu ermöglichen. Ohne Schmerzreduktion sind physiotherapeutische Übungen kontraproduktiv.
  3. Anamnese und Bewegungsanalyse (Hoch): Eine detaillierte Erfassung der Krankengeschichte, des aktuellen Zustands und eine sorgfältige Videoanalyse der Bewegung sind entscheidend für die Erstellung eines zielgerichteten Therapieplans.
  4. Individueller Bewegungsplan (Mittel): Erstellung von Übungen, die auf die spezifischen Einschränkungen des Pferdes zugeschnitten sind und die Kiefer- sowie Halswirbelsäulenbeweglichkeit fördern, ohne zu überfordern. Tägliche Umsetzung von 10-20 Minuten.
  5. Regelmäßige Online-Kontrollen (Mittel): Alle 2-4 Wochen sind Kontrollsitzungen notwendig, um den Fortschritt zu beurteilen, den Plan anzupassen und den Besitzer zu coachen.
  6. Haltungsmanagement und Fütterungsberatung (Niedrig): Anpassungen der Fütterung (z.B. weicheres Futter, erhöhte Futterposition) und des Haltungsmanagements können unterstützend wirken, sind aber nachrangig gegenüber den medizinischen und physiotherapeutischen Maßnahmen.

Gelerntes und Fazit

Die Online-Physiotherapie für EOTRH-Pferde ist eine wertvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für die tierärztliche Behandlung. Sie erfordert eine hohe Eigenverantwortung und eine ausgeprägte Beobachtungsgabe des Pferdebesitzers. Die Beurteilung von Bewegungsmustern über Video ist anspruchsvoll und erfordert vom Therapeuten viel Erfahrung in der Biomechanik des Pferdes. Wir sehen oft, dass die Koordination zwischen Tierarzt, Hufschmied und Physiotherapeut bezüglich des Bewegungsmanagements mangelhaft ist – hier kann die Online-Beratung als koordinierende Schnittstelle dienen. Ein Priorisierungsfehler wäre es, die tierärztliche Diagnose zu vernachlässigen oder zu glauben, Schmerzmittel würden das Bewegungsproblem langfristig lösen. Nach 4–6 Monaten konsequenter Umsetzung zeigen sich in der Regel signifikante Verbesserungen in der Bewegungsqualität und Lebensfreude der Pferde.

FAQ

Welche spezifischen Übungen können bei EOTRH-Pferden online angeleitet werden, um die Kieferbeweglichkeit zu verbessern?

Online können Übungen angeleitet werden, die auf sanfte Dehnung und Mobilisation des Kiefergelenks und der umliegenden Muskulatur abzielen. Dazu gehören beispielsweise das Anbieten von Futter in verschiedenen Höhen, um eine maximale Kieferöffnung zu fördern, oder das sanfte Massieren der Kaumuskulatur (durch den Besitzer nach Anleitung). Auch spezielle Übungen zur Aktivierung der Zungenmuskulatur und zur Entspannung des Zungenbeinapparates können über Video demonstriert und vom Besitzer nachgeahmt werden. Wichtig ist hierbei die genaue Beobachtung der Schmerzgrenze des Pferdes.

Wie kann ich als Pferdebesitzer die Effektivität der online angeleiteten Bewegungstherapie bei EOTRH objektiv beurteilen?

Die Effektivität lässt sich durch eine Kombination aus subjektiver Beobachtung und objektiven Messungen beurteilen. Subjektiv sind Veränderungen im Fressverhalten (z.B. schnellere Futteraufnahme, weniger Herunterfallen von Futter), eine entspanntere Kopf-Hals-Haltung, verbesserte Rittigkeit oder eine geringere Abwehrreaktion beim Auftrensen. Objektiv können Sie Videos vor und nach der Therapie vergleichen, um Veränderungen in der Bewegung zu erkennen. Auch die regelmäßige Dokumentation in einem Schmerztagebuch, eventuell unter Zuhilfenahme einer standardisierten Equine Pain Scale, hilft, Fortschritte zu visualisieren. Messbänder können zur Dokumentation von Muskelumfängen im Halsbereich dienen, um Asymmetrien zu erkennen.

Welche Rolle spielt die Anpassung der Fütterung bei EOTRH im Rahmen der physiotherapeutischen Online-Beratung?

Die Fütterung spielt eine unterstützende Rolle. Physiotherapeutisch relevant ist die Konsistenz des Futters (weich, leicht kaubar) und die Art der Futteraufnahme. Bei EOTRH-Pferden kann das Anbieten von Heulage, eingeweichten Heucobs oder speziellem Mash sinnvoll sein, um Schmerzen beim Kauen zu minimieren. Die physiotherapeutische Beratung kann Empfehlungen zur Futterplatzierung geben, um eine physiologische Kopf-Hals-Haltung während der Futteraufnahme zu fördern, z.B. Futter vom Boden oder aus leicht erhöhten Positionen, um eine Dehnung nach unten zu ermöglichen. Dies ist jedoch immer in Absprache mit dem Tierarzt zu sehen.

In welchen Fällen ist eine Online-Beratung bei EOTRH nicht sinnvoll oder sogar kontraproduktiv?

Eine Online-Beratung ist nicht sinnvoll oder kontraproduktiv, wenn keine aktuelle tierärztliche Diagnose vorliegt oder diese nicht umfassend ist (z.B. fehlende Röntgenbilder). Sie kann auch kontraproduktiv sein, wenn das Pferd akute, starke Schmerzen hat, die eine sofortige tierärztliche Intervention erfordern. Bei komplexen Lahmheiten, die eine manuelle Palpation und Ganganalyse vor Ort erfordern, stößt die Online-Beratung an ihre Grenzen. Ebenso, wenn der Pferdebesitzer nicht bereit oder in der Lage ist, die Anweisungen gewissenhaft umzusetzen oder über keine ausreichende technische Ausstattung für die Video-Kommunikation verfügt.

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